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Wann genau Maria in die folgende Geschichte eingegriffen hat, wird wohl ihr Geheimnis bleiben - vielleicht geschah es ja schon, als wir darüber nachdachten, wo wir dieses Jahr (2000) unseren Urlaub verbringen wollten. Die Wahl fiel auf Korsika. Wir wollten schnell durch Deutschland und die Schweiz in unser geliebtes Frankreich fahren und dann von Campingplatz zu Campingplatz mit unseren beiden Hunden Billy und Polly in Richtung Süden ziehen. Nach einem kurzem Aufenthalt am Grand Canyon du Verdon führte uns die Route per Fähre von Nizza aus auf die Mittelmeerinsel.

Lac de St. Croix - Grand Canyon du Verdon (F)
Lac de St. Croix - Grand Canyon du Verdon (F)

Billy und Polly beim Wohlfühlen am Strand von Ghisonaccia
Billy und Polly beim Wohlfühlen am Strand von Ghisonaccia

Nach einer reichlichen Woche Urlaub an der Westküste und in den Gebirgsregionen am Mte Cinto gelangten wir an die Ostküste nach Ghisonaccia auf einen Campingplatz, der ganz und gar nicht unserer Vorstellung von einem Zeltplatz entsprach (so richtig schön und akkurat für Deutsche Touristen geeignet, brrr...). Trotzdem blieben wir dort für zwei Nächte, wohl wegen des schönen Strandes, der unseren beiden Hunden auch die nötige Erholung nach der vielen Fahrerei bot. Sie fühlten sich sichtlich wohl am Meer nach der Hitze im Auto. Vielleicht hatte uns aber auch hier schon Maria in ihren Zeitplan eingeordnet.

Schon kurz nach unserer Abfahrt aus Ghisonaccia fanden wir einen paradiesischen Campingplatz "Eukalyptus" bei Solenzara, auf dem wir spontan halt machten, um wenigstens eine Nacht dort zu verbringen, einfach, weil er so schön war, direkt am Strand gelegen und wenig Betrieb. Nun, das mit dem wenigen Betrieb änderte sich am späten Nachmittag schlagartig, als ein ungarischer Reisebus auf den Platz fuhr und die Insassen ihre Zelte direkt neben uns aufschlugen.

Camping "Eukalyptus" bei Solenzara
Camping "Eukalyptus" bei Solenzara

Am anderen Morgen beratschlagten wir, ob wir weiterfahren oder noch bleiben sollten. Die Entscheidung wurde uns erleichtert, indem uns einer der Ungarn fragte, ob wir nicht mit unserem Renault Kangoo (ein äußerst praktisches Auto, wenn man die hintere Sitzbank rausgebaut hat) die Starterbatterie des Busses in eine Werkstatt fahren könnten, weil jemand am Abend die Warmwasserbereitung eingeschaltet und dies die Batterie entladen hatte - natürlich konnten wir. Auch hier könnte man vermuten, dass Maria die Hand des Urlaubers geführt hat, um uns letztlich die Batterie in die Werkstatt fahren zu lassen, an deren Gelände ein Schrottplatz grenzte, den man aber von der Straße aus nicht einsehen konnte.

Als ich darauf wartete, bis der Busfahrer und die Dolmetscherin dem Mechaniker erklärt hatten, was sie wollten, schweifte mein Blick über den in sengender Hitze liegenden Schrottplatz ... ich wollte meinen Augen nicht trauen, als ich einen Hund mit einer Kette an einem Bagger festgebunden sah, der ausdruckslos in meine Richtung blickte.

Ich lief sofort hin, konnte aber keine Regung des Hundes feststellen, weder Wachverhalten noch Freude, nur ausdrucklose, fast leblos wirkende Hundeaugen schauten mich an. Ich konnte bis an ihn herangehen und ihn streicheln, nun sah ich auch, dass es eine Hündin, kurz vor dem Wölfen, war. Ihr Fell war matt und verstaubt, sie war abgemagert, ihre Haut spannte sich wie ein Zelt über das Rückgrat, gezogen von dem Bauch mit den Föten, der fast den Boden berührte. Die Kette hatte sich oben und unten in ihren Hals eingeschnitten, in dessen blutigen Narben sich unzählige Zecken festgesetzt hatten. Neben ihr lagen vertrocknete Kothaufen. Ein halber Eimer mit einer Brühe, die mal Wasser gewesen sein muss, lud selbst diese gequälte Hündin nicht mehr zum Trinken ein.

Zara kurz nach ihrer Rettung
Zara kurz nach ihrer Rettung

Wunden an Zaras Hals
Wunden an Zaras Hals

Ich ging zurück zum Auto und holte Hundefutter, dass wir immer dabei hatten und brachte ihr eine nicht zu große Portion. Sie schlang gierig alles in sich hinein, Wasser war auf die Schnelle nicht heranzuholen. Ich fuhr erst mal zurück zum Campingplatz und erzählte alles Geli, meiner Frau, die sofort mit mir noch einmal zu dieser Hündin fuhr. Wir kauften Futter für die Hündin und gaben ihr endlich sauberes Wasser zu trinken. Jetzt lockerte ich auch ihre Kette. Wir schätzten sie auf ca. 10 Jahre.

Wieder auf dem Campingplatz angekommen, versuchten wir Kontakt zu Tierschützern auf der Insel zu finden und erreichten Frau Seier-Maltz, die in Frankreich, in der Nähe von Nizza lebt und die ich in Wien auf dem Kongress des Internationalen Komitees zum Schutz der Streunerhunde kennen lernte. Sie organisierte die Rettungsaktion, wir selbst waren mit unseren nicht vorhandenen Französischkenntnissen leider nicht dazu in der Lage.

Wir konnten Zara, wie wir sie nannten (nach der Stadt Solenzara, in der wir sie fanden), in die Klinik von Dr. Valeé in die Hauptstadt Ajaccio bringen, von wo aus sie nach einer ärztlichen Untersuchung in ein Tierasyl zu Herrn Alessandri gebracht werden sollte. Wir konnten sie auf Grund ihres Zustandes nicht mitnehmen, wir mussten drei Tage später mit der Fähre zurück aufs Festland und wussten ja nicht sicher, wann sie ihre Kleinen bekommt.

Ich holte sie vom Schrottplatz weg, was niemandem auffiel. Sie ging bereitwillig mit, ohne jegliche Gefühlsregung, ihre Seele schien gebrochen. Ich half ihr ins Auto, wo sie sich die Mulde hinter dem Beifahrersitz aussuchte, die letztendlich ihr Lieblingsplatz wurde. Auf dem Campingplatz angekommen wurde sie von unseren beiden, Billy und Polly neugierig beschnuppert und wie ein rohes Ei behandelt. Die beiden merkten sofort, dass sie krank und sehr schwach war.

Weil wir an diesem Abend den Weg über die Insel nicht mehr geschafft hätten, fuhr ich nur ein Stück in die Berge, um allein mit ihr zu sein und den Kontakt zu ihr aufzubauen. Wir machten am Fluss Solenzara halt, in dem sie ihr Gesäuge im klaren Wasser kühlte. Ich entfernte ihr ca. 40 Zecken, die teilweise blutige Löcher in der Haut hinterließen. Diese Nacht schlief ich mit ihr neben unserem Zelt.

Sonnenaufgang bei Solenzara
Sonnenaufgang bei Solenzara

Am anderen Morgen machte ich mich mit ihr auf den Weg in die Hauptstadt, die an der Westküste der Insel lag. Wir mussten also die Insel überqueren. Unser Weg führte uns über den Bavella-Pass. Und dort, weiß und wunderschön, stand sie: Maria.

Marienstatue am Col de Bavella                               Marienstatue am Col de Bavella
Marienstatue am Col de Bavella

Mir wurde erst viel später durch Gespräche mit Geli klar, was Maria alles getan hatte, um Zara zu retten, dennoch kam ich schon in diesem Moment nicht an ihr vorbei ohne niederzuknien und ein Gebet an sie zu richten, in dem ich ihr für die Rettung von Zara dankte. Als ich dann Maria ins Antlitz sah, wurde ihr Blick immer wärmer und weicher, sie begann zu lächeln, Frieden und Glück breiteten sich aus.

Maria, hatte die stummen Schreie dieser geschundenen Seele gehört, uns zu ihrer Rettung herbeigerufen und alles arrangiert, damit wir Zara ja nicht ‚übersehen'.

Nach vierstündiger (behutsamer) Fahrt erreichten wir die Hauptstadt und fanden auch die Klinik von Dr. Valeé, in der wir schon erwartet wurden. Ich brachte Zara ins Behandlungszimmer, hob sie auf den Behandlungstisch und erzählte der Ärztin, was wir bisher über Zara herausgefunden hatten. Ich bat auch darum, ihr wenigsten einen oder zwei Welpen zu lassen. Dann verabschiedete ich mich von Zara, indem ich ihr einen Kuss auf die Stirn gab und ihr viel Glück wünschte. Ihr Blick war von unendlicher Traurigkeit und Enttäuschung erfüllt. Der Kloß in meinem Hals löste sich dann in Tränen auf, als ich wieder im Auto saß und die Rückfahrt antrat. Ich fühlte mich wie eine Verräter.

Nach zwei Stunden war ich dann wieder bei dem Rest des Rudels. Irgendwie waren wir alle ziemlich traurig. Wir hatten nur die Hoffnung, dass Zara bald wieder bei uns sein wird. Wir hatten vereinbart, dass wir sie holen oder von jemand anderem holen lassen - dass Zara in Zukunft bei uns leben wird. Nur jetzt konnten wir sie nicht mitnehmen, war die Wahrscheinlichkeit doch recht groß, dass sie ihren Nachwuchs während unserer Heimfahrt nach Deutschland bekommen würde.

Unsere Fahrt nach Bastia, unserem Fährhafen, führte uns noch einmal vorbei an der Marienstatue, wo wir aus Dankbarkeit eine Kerze anzündeten.
Auch während der Überfahrt nach Frankreich ließ uns der Gedanke an Zara nicht los. Wieder in Frankreich, am Grand Canyon du Verdon, erfuhren wir von Frau Seier-Maltz, dass Zara am Tag unserer Überfahrt sieben Junge bekam, die ihr leider alle genommen wurden. Ich weiß nicht ob und welche Bedeutung es hatte, dass all das genau an meinem Geburtstag stattfand.

Nun, da Zara gewölft hatte, hätten wir sie auch gleich mit nach Hause nehmen können. Frau Seier-Maltz machte uns in einem Telefonat Hoffnung, Zara nach Frankreich zu holen und es geschah! Trotz des gerade stattfindenden Mineralölboykotts und des eingeschränkten Flugverkehrs wurde Zara von Ajaccio nach Nizza geflogen. Wir trafen uns in ihrer Heimatstadt mit Frau Seier-Maltz, die uns durch den verwirrenden Straßenverkehr von Nizza leitete und zum Tierheim im Vorort Caross brachte.

Das Tierheim war sehr schön angelegt, vermutlich fließt dort ein Teil der Einnahmen aus dem Tourismus hin. Zwischen Palmen im Sand waren Hütten aufgestellt, an denen Hunde mit vermutlich kleineren Verhaltensproblemen an einer Leine liefen, die meisten Hunde aber genossen volle Freiheit auf dem Gelände und drängten sich um uns, um gestreichelt zu werden. Natürlich gab es (leider) auch Zwinger für schwere Fälle.

Wir wurden ausführlich nach den Gegebenheiten befragt bevor uns Zara übergeben wurde. In den Papieren steht "Hütehund, Alter ca. 2 Jahre" (der Tierarzt in Deutschland schätzte Zara dann aber an Hand der Zahnabnutzung auch auf ein Alter von ca. 8 Jahren).

Zara an ihren Lieblingsplatz
Zara an ihren Lieblingsplatz

Wir konnten Zara in Empfang nehmen, sie erkannte uns offensichtlich wieder. Billy und Polly schienen nicht ganz so begeistert zu sein wie Geli und ich. Sie zeigten Zara ihr Hinterteil und schlangen ihre Ruten umeinander. So sagten sie Zara, dass sie ein Paar sind. Zara war allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht nach Rangordnungskämpfen zumute, sie ließ sich in den Kangoo helfen und rollte sich in der Mulde hinter dem Beifahrersitz zusammen - wo sonst? Nun waren wir zu fünft, aber auch das war kein Problem für den Kangoo.

Die weitere Fahrt nach Hause verlief unproblematisch.

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